14. Jahrhundert, Jahrhundertbuch der Gottscheer, Dr. Erich Petschauer, 1980.  


Die Grafschaft Ortenburg verfügte seit geraumer Zeit über ein Verwaltungszentrum, das den jeweils regierenden Grafen bei der geordneten Wirtschaftsführung zur Verfügung stand. Der Sitz des "Lehenhofs" ist unbekannt. Sinngemäß wäre es jedoch gewesen, Zweigstellen in Spittal an der Dräu und in Reifnitz einzurichten. Ebenso zweckmäßig und organisatorisch vernünftig wäre es gewesen, den "Lehenhof" unter der Leitung eines Mitgliedes des Hauses Ortenburg zunächst mit der Prüfung der grundlegenden Voraussetzungen für das Siedlungsvorhaben zu beauftragen. War der ältere Sohn Meinharts I., Hermann III., der hierfür geeignete Mann? Allem Anschein nach, ja. Begründung: Laut gesetzlicher Vorschrift mußte jede Urkunde von mehreren Zeugen beglaubigt sein. Begreiflicherweise war die Zeugenschaft der Grafen von Ortenburg infolge ihres hohen Ansehens beim Adel in Kärnten und Krain gefragt. Nun verschwand ab 1301 die Unterschrift des Junggrafen Hermann aus den Urkunden (jene seines Bruders Meinhart II. blieb). Von Hermann III. wußte man, daß er jung heiratete. Seine Gemahlin war eine geborene Gräfin Hohenlohe. Gewiß wäre es denkbar, daß er ihr in einen anderen Teil des Reiches folgte, ebensogut konnte er jedoch mit Zustimmung seines Großvaters vom Vater den Auftrag zur Vorbereitung der Kolonisation des noch namenlosen Urwaldes erhalten haben.

An diesem Auftrag, änderte der Tod des Großvaters (1304 in Laibach) kaum etwas. Hingegen hatte er vermögens-rechtlich für die Grafschaft Ortenburg tiefgreifende Folgen: Die Söhne und Erben Friedrich II., Meinhart I., Otto V. und Albrecht II., teilten die Grafschaft unter sich auf. Meinhart, der außerordentlich tatkräftige Erstgeborene, fertigte seine Brüder mit den Lehensgütern in Kärnten und Steiermark ab und behielt die Lehenschaften in Unterkrain für sich. Meinhart war seinem Wesen nach ein Kriegsmann. Er hatte von seiner Mutter, einer Gräfin von Görz, das heftige görzische Temperament und betätigte sich mit Vorliebe als "Schwert Aquilejas". Trotzdem würde man ihm Unrecht tun, wollte man ihn außerhalb des Gesamtbundes der Ortenburger, das Türk auf Seite 13 entwirft, stellen: "Stolze Ritter, Kirchenfürsten, kluge Rechner und Ratgeber, wohl auch zeitweilig Verschwender, kühne Degen, dem höchsten Adel verwandt und verschwägert, Beschützer des Patriarchats Aquileja und gefürchtete Condottieri gegen die Republik Venedig".

Mit diesem großartigen Kärntner Adelsgeschlecht haben wir nun bereits den Vorhof der Besiedlungsgeschichte des Gottscheerlandes betreten: Es ist Absicht, daß noch nicht von einer deutschen Besiedlung die Rede ist.
Im Weiterschreiten treffen wir auf die erste Urkunde, die indirekt bestätigt, daß das Siedlungsunternehmen begonnen hat. Die Geschichtsschreibung über Gottschee hat sie lediglich registriert, ohne sie in die Gesamtsituation Kärntens und Krains am Beginn des 14. Jahrhunderts zu stellen und dadurch zum Reden zu bringen. Diese ist
gekennzeichnet durch zahlreiche Neugründungen von Dörfern, Märkten und Städten, womit eine weitgehende Umschichtung der Bevölkerung Unterkrains eintrat. Modern ausgedrückt: Die Arbeitsmarktlage war angespannt. Die Anziehungskraft der Städte mit ihrem Lockruf: "Stadtluft macht frei!" wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und mit ihr die Abneigung gegen Schwerstarbeiten, wie etwa das Roden eines Urwaldes. Die Bauernbefreiung war unendlich langsam vor sich gegangen, aber hundert Jahre vorher hätte ein Grundherr seine Bauern noch zwingen können, die Tortur des Rodens einer solchen Wildnis auf sich zu nehmen. Nun nicht mehr!

Bei der besagten Urkunde handelt es sich um den sogenannten Friedensschluß von Laibach zwischen den Grafen von Ortenburg und den Herren von Auersperg im Jahre 1320. Herzog Heinrich II. von Kärnten aus dem Hause Görz, Tirol, hatte die beiden verfeindeten Geschlechter wegen Landfriedensbruchs vor ein adeliges Schiedsgericht gestellt. Aus dem Schiedsspruch gehören nur die Punkte 1, 3 und 4, zitiert nach Tangl, Band 1, Seite 113, hierher:

1. Aller Krieg soll aufhören.
2. Alle Gefangenen sollen endlich ledig sein. Wer aber vor dem Frieden für seine Freilassung eine Geldsumme versprochen hat, soll diese bezahlen.
4. Leute, die von den Gütern der Herren von Auersperg auf Güter der Grafen gezogen sind, sollen wir (die Grafen von Ortenburg, ziehen lassen.

Die sorgfältige, zeitbezogene Auslegung der Urkunde von 1320 fördert eine Anzahl bisher unbeachteter, doch außerordentlich wichtiger Gesichtspunkte zur Besiedlung des Gottscheerlandes zutage: Schon der Vorspruch stellt eindeutig klar, wer der Angreifer war. Er beginnt mit den Worten: "Graf Meinhart von Ortenburg bekennt, daß er unter Beistimmung seiner Söhne Hermann und Meinhart zur Beilegung der Fehde zwischen ihnen und Volker und Herbard von Auersperg .. . den Schiedsspruch der einzeln aufgeführten adeligen Richter anerkennt." Ferner ist festzustellen, daß Graf Hermann III. von Ortenburg 19 Jahre nach seinem Verschwinden aus den Urkunden zum erstenmal wieder auftaucht. Dies könnte nicht der Fall sein, wenn er sich nicht in Krain befunden hätte. Wir sehen darin eine Bestätigung für die Annahme, daß er mit der Vorbereitung des Siedlungsunternehmens beauftragt war. Im einzelnen läßt sich die Urkunde von 1320 dazu folgendermaßen in Beziehung setzen:

Zu Punkt 1.: Ortenburg und Auersperg hatten in Fehde gelegen. Sie war so heftig und so ausgreifend, daß der Herzog gezwungen war, sich einzuschalten. Die ersten Scharmützel fanden spätestens 1316 statt. Aus anderen Quellen wissen wir, daß der Görzer Graf Heinrich II. den Auerspergern zu Hilfe gekommen war, was den Schluß zuläßt, daß die Ortenburger sich in der Übermacht befanden.

Zu Punkt 3.: Ortenburg hatte Auersperg'sche Kriegsgefangene nicht zurückgegeben.

Zu Punkt 4.: Ortenburg hatte von Auersperg'schen Gütern Leute unter Versprechungen weggelockt, also "abgeworben", wie man heute sagen würde und auf eigenen Gütern eingesetzt. Um welche ortenburgische Güter konnte es sich dabei nur handeln? Wohl kaum um die Lehenschaften in Unterkrain, die von den Grafen bereits seit bald 200 Jahren bewirtschaftet wurden. Das landwirtschaftliche Arbeitsvolk auf ihren Gütern ergänzte sich von Generation zu Generation auf ganz natürliche Weise. Woher aber kam der so beträchtliche Mangel an Arbeitskräften, daß sich Graf Meinhart diese auf seine Weise beim Nachbarn holte, nämlich mit Gewalt? Er mußte seinerseits unter so starkem Druck gestanden haben, daß er das Risiko einer unabsehbaren Fehde einging. In der Tat stand der wilde Graf aus Oberkärnten vor ernsthaften, finanziellen Problemen. Gewiß, er war kein armer Mann, doch alles, was er unternahm, kostete sehr viel Geld, seine aufwendige Lebensführung, seine Feldzüge mit einer kleinen Privatarmee zum Schutz des Patriarchenstaates. Sein Amt als Landeshauptmann in Krain, das er seit 1307 innehatte, erforderte ebenfalls einen nicht unerheblichen Aufwand. Vor allem aber erwies sich die Kolonisation des Urwaldes als ein außerordentlich kostspieliges Unternehmen, das zunächst nichts einbrachte, dem er aber nicht ausweichen konnte.

Die Urkunde von 1320 berichtet uns also, daß Meinhart bereits vor 1315 das Siedlungswerk in Unterkrain begonnen haben muß und daß sein Sohn Hermann III. die langwierige Planung und siedlungstechnische Vorbereitung durchgeführt hat. Sie gibt jedoch auch über die Herkunft der ersten Siedler eine einwandfreie Auskunft: Sie stammten zu Beginn von den Lehenschaften der Ortenburger selbst, und als ihr eigenes Menschenreservoir erschöpft war, griffen sie auf Leute des Nachbarn zurück. Im übrigen hielt sich Graf Meinhart nicht an den Schiedsspruch von 1320. Am Dreikönigstag des Jahres 1326 erging von einem neuen Schiedsgericht ein ähnlicher Spruch wie sechs Jahre zuvor.

Schließlich klärt die Laibacher Urkunde von 1320 auch noch die oft gestellte, aber nie befriedigend beantwortete Frage nach der Herkunft der slowenischen bzw. slowenisch klingenden Ortsnamen in den Randgebieten der Sprachinsel: Sie stammten in der Hauptsache von den Kolonisten aus den ortenburgischen und auerspergischen Lehensgebieten, vor allem von den Zugehörungen der Lehen Reifnitz, Ortenegg, Zobelsberg und Hohenwarth, die den Ortenburgern gehörten, und der auersperg'schen Schlösser Oberhaus und Unterhaus. Die erwähnten Güter lagen dem Urwald - wie gesagt, eine Zugehörung von Reifnitz - am nächsten. Bei dem Mangel an Menschen, die für das überaus schwere Rodungswerk zur Verfügung standen, blieben die ersten Siedlungen am Rande des Waldes, namentlich am Ostrand, klein. Sie besaßen offensichtlich infolge ihrer ungünstigen Lage keine Anziehungskraft und erhielten keinen weiteren Zuzug. Das Hauptgewicht des Siedlungsunternehmens verlagerte sich sehr bald an den Nordrand des Urwalds. Was ging hier vor?

Diese Frage läßt sich allerdings mit logischen Schlußfolgerungen aus dem Laibacher Friedensschluß von 1320 zwischen Ortenburg und Auersperg nicht mehr beantworten. Die bisherige Geschichtsschreibung hat sich ohnehin nicht auf die Besiedlungsgeschichte des Gottscheerlandes bezogen, sondern sie für eine aus Unverträglichkeit entstandene Fehde gehalten. Alle Autoren ließen die Besiedlungsgeschichte des ortenburgischen Urwaldes im Jahre 1339 beginnen. Es bestehen keine aussagefähigen Urkunden für die Zeit zwischen 1320 und 1339 zur Verfügung. Um diesen für das Entstehen der späteren Sprachinsel ungemein wichtigen "stillen Zeitraum" zu überbrücken, muß man nach einer anderen stichhaltigen Lösung suchen. Die ergab sich aus der folgenden nüchternen Überlegung:
Schon der gesunde Hausverstand sagt uns heute noch, daß es undenkbar war, planlos Menschen in die Wildnis zu schicken und dann von ihnen zu erwarten, daß sie, allein auf sich gestellt, die ungeheure körperliche und seelische Belastung der Urwaldrodung durchstehen. Die Ortenburger bereiteten das Unternehmen vielmehr so vor, wie es die natürlichen Voraussetzungen geboten. Da es sich um ein rein wirtschaftliches Unternehmen handelte, erwarteten sie selbstverständlich mit der Zeit einen Ertrag. Er war nur zu erreichen, wenn man der menschlichen Arbeitskraft diese Voraussetzungen in der entsprechenden Aufbereitung anbot. Das heißt, es mußte Übereinstimmung bestehen zwischen der Geländeform für die Anlage von Dörfern bei gleichzeitig entsprechender Humusschicht für den Anbau von Feldfrüchten und die Ausbildung von Wiesenanteilen, sowie das Vorhandensein natürlicher, möglichst ganzjährig fließender Quellen, die durch das Abholzen großer Waldflächen voraussichtlich nicht versiegten. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Menschen damals nicht an diese Dinge dachten.

Man mußte sich also erst einmal wenigstens einen ungefähren Überblick verschaffen, wo und in welcher Größe Ansiedlungen Erfolg versprachen. Natürlich dürfen wir uns diese Vorbereitungsarbeiten nicht so vorstellen, daß einige Geometer an Hand von Kartenskizzen, begleitet von Gehilfen und ausgerüstet mit Kompassen und anderen technischen Hilfsmitteln, das Land durchstreiften. Das gab es noch nicht. Die einzigen Hilfsmittel für die Orientierung waren das Auge und der gesunde Hausverstand.

Bevor sich Graf Hermann und seine Helfer ein Gesamtbild des Besiedlungsgebiets machen konnten, mußten sie es vor allem anderen verkehrsmäßig erschließen. Nicht so, daß sie Straßen im heutigen Sinn anlegten, sondern mehrere Bautrupps schlugen primitive Stei